Die Theosophische Gesellschaft Point Loma - Covina


Weisheit der Götter - Theosophie

Wenn die Theosophische Gesellschaft am 17. November 2000 ihr 125. Jubiläum feiert, sollte nicht vergessen werden, dass die Theosophie als ursprüngliche Weisheitsreligion oder -philosophie auf eine weit längere Geschichte zurückblicken kann.

Das Wort Theosophie stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Weisheit der Götter" oder "Göttliche Weisheit" ebenso wie Theogonie "Genealogie der Götter" bedeutet. Daher kann Theosophie nicht mit "Weisheit von Gott" übersetzt werden, was vielfach fälschlicherweise getan wird, sondern nur mit "göttliche Weisheit". Die Bezeichnung ist archaischen Ursprungs.

Theosophie ist die Grundlage und Basis aller wahren Weltreligionen und philosophien, die von einigen Auserwählten gelehrt und ausgeübt wird, seitdem der Mensch eine denkende Wesenheit geworden ist. In ihrer praktischen Verwirklichung ist die Theosophie eine rein göttliche Ethik. Sie bezieht sich nicht auf einen anthropomorphisierten, persönlichen Gott, sondern auf göttliche Wesen: auf Wesenheiten, die dem Menschen in der Evolution vorausgehen und folglich ihre höheren, geistigen Fähigkeiten und Kräfte wesentlich weiter entwickelt haben, als es dem heutigen Menschen bisher gelungen ist.

Theosophie gibt eine zutiefst befriedigende Erklärung auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Sie kann mit Recht auch Philosophie genannt werden, denn sie liefert dem Verstand Erklärungen für die mannigfaltigen Erscheinungen des Lebens, die wir um uns herum beobachten können. Sie umfasst das Wissen über die ineinandergreifenden ursächlichen Lebenszusammenhänge auf allen Ebenen kosmischen Seins. Ebenso ist sie Wissenschaft, die auf jedes Phänomen der physischen Welt angewandt werden kann. Sie vereint die drei wichtigsten Denkmöglichkeiten des Menschen: Philosophie, Religion und Wissenschaft. Theosophie ist die Grundlage für wahre Ethik und beinhaltet die Ausübung von Pflichten gegenüber Mensch und Natur.

Diese Weisheitsreligion oder Theosophie wurde seit Menschengedenken im Geheimen gelehrt und immer wieder auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft. In jedem Zeitalter war sie zudem der Keimboden für verschiedene öffentliche Lehren, die einige ihrer Grundprinzipien in vereinfachter Ausdrucksweise zeitgemäß darzustellen versuchten. Nahezu alle großen Weltreligionen und -philosophien sind auf diese Weise entstanden und weisen entsprechende Gemeinsamkeiten auf. Die Neuplatoniker z. B., die in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung das platonische Denken noch einmal zur Blüte brachten, nannten sich u. a. auch Theosophen. Gleiches gilt für die mittelalterlichen Alchimisten, die in vieler Hinsicht die Vorläufer unserer heutigen Naturwissenschaftler waren, sowie für große mittelalterliche Denker wie Giordano Bruno, Jakob Böhme oder Louis Claude de Saint-Martin.

Die Weisheit bleibt immer die gleiche. Sie birgt das Letzte, was menschlicher Erkenntnis zugänglich ist, und daher wurde sie stets sorgfältig gehütet. Sie bestand schon lange vor der Alexandrinischen Schule, sie besteht heute und wird alle Religionen und Philosophien überleben.

Jede alte Religion und jeder philosophische Kultus hatte eine esoterische (geheime) und eine exoterische (öffentliche) Lehre. Auch ist bekannt, dass jede Zeit und jedes Volk seine großen (geheimen) und kleinen (allen zugänglichen) Mysterien hatte, z. B. die berühmten eleusinischen Feste in Griechenland.

Die Hierophanten von Samothrake, Ägypten, die eingeweihten indischen Brâhmanen, die späteren hebräischen Rabbis, alle hielten aus Angst vor Profanierung ihre tiefsten Erkenntnisse geheim. Die jüdischen Rabbis nannten ihre öffentlichen Religionsausübungen "Merkaba" oder den äußeren Körper, die Hülle, die die Seele, die höchste Erkenntnis, verbirgt. Die Priester der alten Religionen haben der großen Masse nie ihre innersten philosophischen Erkenntnisse mitgeteilt, sie gaben ihnen nur die Schalen.

Der nördliche Buddhismus unterscheidet zwischen dem größeren und dem kleineren Fahrzeug: zwischen Mahâyâna, der esoterischen, und Hînayâna, der exoterischen Schule. Pythagoras nannte seine Gnosis "die Kenntnis von den Dingen, die sind", [...] und übermittelte diese Erkenntnis nur seinen vereidigten Schülern, denn nur sie waren wirklich imstande, diese Nahrung zu verdauen und ihren Wert zu erkennen. Er verpflichtete seine Schüler zum Schweigen. Die alten ägyptischen Schriften verwendeten ein geheimes Alphabet und geheime Zeichen, und nur Hierogrammatiker und eingeweihte Priester kannten den Schlüssel dazu.

Die Biographen des Ammonios Sakkas erzählen, dass er seine Schüler eidlich verpflichtet habe, die esoterischen Lehren nur denen mitzuteilen, die genügend vorbereitet und ihrerseits durch Eid gebunden waren. Bei den ersten Christen, den Gnostikern, ja in den christlichen Lehren, finden wir Ähnliches. Christus sprach zum Volk in Gleichnissen, die eine zweifache Bedeutung hatten, und über die tiefsten Erkenntnisse sprach er nur mit seinen Jüngern. Aus allen Ländern sind ähnliche Hinweise zu erhalten.

Theosophie ist also kein neues System. Das kann nur von Unwissenden behauptet werden. Sie ist so alt wie die Menschheit. Ihre Lehren und ihre Ethik sind die am weitesten verbreiteten.

Die Ziele der Theosophischen Gesellschaft

Die Ziele der Theosophischen Gesellschaft lauteten ursprünglich:

  1. Bruderschaft unter den Menschen, ohne Unterscheidung von Rasse, Farbe, Religion oder sozialer Stellung;
  2. Studium der alten Weltreligionen mit dem Ziel, sie zu vergleichen und aus ihnen universale Ethik herauszulesen;
  3. Studium und Entwicklung der latenten göttlichen Kräfte im Menschen.

1929 wurden sie von dem damaligen Präsidenten der Gesellschaft, Prof. Dr. Gottfried von Purucker, wie folgt erweitert:

  1. Unter den Menschen die Kenntnis der im Weltall waltenden Gesetze zu verbreiten.
  2. Zu lehren, dass alles Sein dem inneren Wesen nach EINS ist, und zu beweisen, dass diese Einheit der Natur zugrunde liegt.
  3. Eine tätige Bruderschaft unter den Menschen zu bilden.
  4. Alte und moderne Religion, Wissenschaft und Philosophie zu studieren.
  5. Die dem Menschen innewohnenden Kräfte zu erforschen.

Grundlehren der Theosophie

Die Lehren der Theosophie gründen sich auf die Grundprinzipien und die Wirkungsweisen der Natur. Sie resultieren aus den Erkenntnissen und Erfahrungen der großen Weisen des Menschengeschlechts, die der Menschheit in ihrer Evolution bereits weit vorausgingen, und bilden das überlieferte geistige Erbe der Menschheit. Sie berücksichtigen die drei großen Denkrichtungen: Wissenschaft, Philosophie und Religion.

In "Die Geheimlehre" stellt H. P. Blavatsky drei fundamentale Sätze auf, auf denen die Theosophie beruht (Bd. I, S. 42-46). Sie postuliert:

  1. Ein allgegenwärtiges, ewiges, grenzenloses und unveränderliches PRINZIP, über das gar keine Spekulation möglich ist, da es die Kraft menschlicher Vorstellung übersteigt und durch irgendwelche menschliche Ausdrucksweise oder Vergleich nur erniedrigt werden könnte.
  2. Die Ewigkeit des Weltalls in toto als einer grenzenlosen Sphäre, die periodisch ,der Spielplatz ist von zahllosen unaufhörlich erscheinenden und verschwindenden Universen‘, den sogenannten ,manifestierenden Sternen‘ und ,den Funken der Ewigkeit‘.
  3. Die fundamentale Identität aller Seelen mit der universellen Oberseele, welch letztere selbst ein Aspekt der unbekannten Wurzel ist; und die Verpflichtung für jede Seele - einen Funken der vorgenannten -, den Zyklus von Inkarnation, oder ,Notwendigkeit‘, in Übereinstimmung mit zyklischem und karmischem Gesetz während seiner ganzen Dauer zu durchwandern.

Kosmologie und Anthropologie basieren auf fundamentalen Prinzipien der sowohl physischen als auch metaphysischen Natur. In dem anfang- und endlosen Universum ist alles Existierende, jede Wesenheit, in seiner fundamentalen Essenz mit dem kosmischen Bewusstsein verwandt und wird von ihm in allen seinen Teilen belebt und beseelt. Damit sind alle Lebewesen als eine unauflösbare Universale Bruderschaft miteinander verbunden.

In Perioden zyklischer Wiederkehr manifestieren sich die evolvierenden Seelen in Leben um Leben in ihrer Mannigfaltigkeit, indem sie für jeden Daseinsbereich einen ihrem Evolutionsstadium entsprechenden Körper aufbauen. Sie folgen so dem Pfad der Evolution und entfalten ihre inhärenten Kräfte. Ein Ende oder Vollkommenheit erreichen sie dabei jeweils nur innerhalb einer Hierarchie (vgl. Gottfried von Purucker: Wörterbuch - Esoterische Philosophie. Hannover, 31990, S. 100-102).

Da jede Hierarchie wiederum von geringeren Hierarchien aufgebaut wird, existieren Hierarchien innerhalb von Hierarchien und Welten innerhalb von Welten, deren Zyklen wie Räder innerhalb von Rädern ineinandergreifen. Alles bedingt und belebt sich in einem steten Miteinander und bildet letztlich eine unauflösbare lebende Einheit, die sich in vielfältiger Verschiedenheit manifestiert, denn es gibt nichts Totes. Alles ist in einem steten Fließen und verändert sich kontinuierlich. Es gibt keinen Stillstand. Bewegung und Veränderung aber bedeuten Leben und bedingen ein in allen seinen Teilen von Bewusstsein durchdrungenes lebendiges Universum. Alles lebt und evolviert in und mit ihm und prägt als ein aktiv gestaltender Teil des Ganzen die Evolution des großen kosmischen Geschehens mit.

Durch das Gesetz von Karma wird jede Wesenheit, jedes Individuum, immer wieder dorthin zurückkehren, wo ihre in einem früheren Leben gelegten karmischen Saaten zur Entfaltung gelangen können. Sie wird unweigerlich mit ihren eigenen karmischen Impulsen wieder konfrontiert. Karma ist somit die Lehre von der unbedingten Gerechtigkeit. Die Zwillingslehre von Karma ist die Lehre von der Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung. Gemeinsam erklären die beiden Lehren die Notwendigkeit der zyklischen Rückkehr eines jeden Individuums in die Manifestation und beschreiben die Wanderung der Lebensatome (vgl. Gottfried von Purucker: Wörterbuch - Esoterische Philosophie. Hannover, 31990, S. 133-135).

Der Mensch ist als ein integraler Teil des Universums ein Mikrokosmos im Makrokosmos. Er spiegelt alle fundamentalen Prinzipien des Universums wider. So wie das Universum eine 7-, 10- oder 12-fältige Struktur aufweist, ist auch die menschliche Konstitution 7-, 10- oder 12-fältig (vgl. Gottfried von Purucker: Grundlagen der Esoterischen Philosophie. Hannover, 1986, Bd. I, S. 18-21). Sie besteht aus sterblichen, bedingt sterblichen und unsterblichen Prinzipien. Der bedingt sterbliche Teil, die menschliche Seele, ist der eigentliche evolvierende Mensch und der reinkarnierende Teil. Im Laufe seiner äonenlangen Entwicklung hat der Mensch infolge der Erweckung durch unsere Vorfahren, die Götter, relatives Selbstbewusstsein erlangt. Er kann frei entscheiden, ob er dem Pfad linker Hand, dem niederen, sterblichen Teil seiner dualen Natur, folgen möchte oder ob er bereit ist, dem Pfad rechter Hand zu folgen und dem höheren, unsterblichen Teil seiner inneren Göttlichkeit zuzustreben.

Aus: Helena Petrowna Blavatsky: Lexikon der Geheimlehren. Hannover, 1997, S. 371-378.

Das Jubiläum der Theosophischen Gesellschaft ist ein guter Anlass, erneut über diese tiefgehenden und lebenswichtigen Lehren nachzudenken, die im Laufe der Zeitalter immer wieder in jeweils zeitgemäßer Form an die Öffentlichkeit gebracht wurden, zuletzt eben am 17. November 1875.

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