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Theosophische Philosophie

Theosophie als Chance

Teil 1

Hermann Knoblauch

Seit jeher hat die Philosophie einen entscheidenden Einfluss auf die Kultur aller Nationen ausgeübt. So ist die Suche nach den eigentlichen Wurzeln unseres Daseins immer auch zugleich die Suche nach Wahrheit. Sie birgt die Faszination des Unbekannten, die keine Generation ruhen ließ, des Menschen eigene Vergangenheit zu enträtseln. Doch was ist Theosophie? Unterscheidet sie sich von anderen Philosophien, haben sie einen gemeinsamen Ursprung? Was ist ihre Quelle? Warum Theosophie, die esoterische Philosophie, als Chance?

Was ist Theosophie? Was sind ihre Kernaussagen, und welche Chance bietet sie angesichts der gewaltigen Herausforderungen unserer Zeit? Ist sie in der Lage, die tieferen globalen Zusammenhänge so aufzuzeigen, wie sie sind, und nicht so, wie sie täglich mediengerecht suggeriert werden?

„Philosophie“ bedeutet laut Lexikon „Liebe zur Weisheit“ – eine Begriffsbestimmung, die den Kern wahrer Philosophie beschreibt. Die griechische Philosophie schaffte die Grundlage für das abendländische Denken. Sokrates (469–399 v. Chr.) ist der Schöpfer des Begriffs. Platon (427–347 v. Chr.), als Schüler von Sokrates, wird durch die Ideenlehre richtungsweisend für die gesamte Philosophie. Aristoteles (384–322 v. Chr.) gibt der Ideenlehre die logische, naturwissenschaftliche Begründung. Stoiker, Epikureer und Neuplatoniker prägen die Grundzüge des abendländischen Denkens. Demokrit (460– um 380 v. Chr.) bringt die Atomlehre, die bis zur Atomspaltung durch Otto Hahn (1879–1968) so sehr falsch verstanden wurde. Leibniz (1646–1716) greift die Ideen wieder auf und prägt die Monadenlehre, seine berühmte „Monadologie“.

Mit der Renaissance thematisieren Spinoza (1632–1677) und Leibniz (1646–1716) die Spannung zwischen Geist und Materie, ein Thema, das bis zur heutigen modernen Wort-Philosophie unverändert aktuell ist. Doch Philosophie sollte auch die „Wissenschaft von den Wissenschaften“ sein, und somit gehört auch moderne Naturwissenschaft, wie Einsteins (1879–1955) Relativitätstheorie oder Plancks (1858–1947) Quantentheorie, strenggenommen zur Philosophie beziehungsweise zur Religion im Sinne von Ciceros (106–43 v. Chr.) „gewissenhaft beobachten“.

Die Wurzeln der Philosophie sind weit verzweigt. Bei den Ägyptern, von denen die Griechen einen großen Teil ihrer Philosophie ableiteten, wie zum Beispiel Platon und Pythagoras (um 570–497/6 v. Chr.), bedeutete Philosophie so viel wie „Weisheit“, doch nahm sie insbesondere Bezug auf Religion und Theologie. Einen Teil ihrer Philosophie hatten die Ägypter von der ostasiatischen Philosophie abgeleitet; die indische ist inzwischen maßgebend für viele der geisteswissenschaftlichen Richtungen unserer Zeit. Auch die Bhagavad-Gîtâ1 (Teil des großen indischen Epos „Mahâbhârata“), die nach Anschauung der Hindus einige 10.000 Jahre alt ist, gewinnt zunehmend an Interesse. Desgleichen die chinesische Philosophie, die insbesondere durch Konfuzius (551–479 v. Chr.) und Laotse (4. oder 3. Jh. v. Chr.) vertreten ist und ständig an Bedeutung zunimmt.

Die Wurzeln der modernen Esoterischen Philosophie, der zeitalteralten Theosophie, reichen jedoch noch weiter in die Vergangenheit zurück als die der bisher angesprochenen Philosophien. Sie beinhaltet in der Synthese die drei Denkmöglichkeiten des Menschen: Wissenschaft, vergleichende Religionswissenschaft und Philosophie, Kunst und Musik sind hierin eingeschlossen. Kein Gebiet menschlichen Denkens ist ausgeschlossen, vielmehr beinhaltet sie nicht nur die sichtbaren Manifestationen und Wesenheiten, sondern vor allem die unsichtbaren Kräfte, Sphären und Welten sowie deren Offenbarungen in unserer physischen Welt.

Esoterische Philosophie bedeutet also, in die verborgenen Tiefen der universalen Natur einzudringen, sie zu verstehen und damit die Verantwortung für sie zu tragen. „Natur“ in ihrer tieferen Bedeutung umfasst daher nicht nur das Phänomenale, das Manifestierte, Sichtbare, sondern in erster Linie das Noumenon, das, was hinter dem für uns Sichtbaren steht, das Ursächliche.

Aktion und Reaktion, das Sichtbare und das Unsichtbare gehören stets zusammen. Es ist der große Fehler unseres derzeitigen Denkens, dass wir fast immer nur eine Seite betrachten: entweder die Aktion, meistens aber die Reaktion. Hierin liegt der hauptsächliche Grund, warum die Rätsel und Probleme des Lebens nicht befriedigend gelöst werden können und warum trotz aller Anstrengungen seitens der Wissenschaft die Erforschung der Naturkräfte an der Realität des verursachenden Prinzips vorbeigeht.

Die Evolution des Menschengeschlechts findet seit Jahrmillionen statt, doch nicht die Veränderung oder Vervollkommnung der menschlichen Form, des Körpers, ist die wirkliche Evolution, wie allgemein irrtümlich angenommen wird, sondern die Erweiterung des Denkvermögens. Der Mensch hat die Möglichkeit, seine Erkenntnis und sein Selbstbewusstsein ständig zu erweitern. Allein hierin liegt die wahre menschliche Evolution. Sie zu erkennen bedeutet Fortschritt, sie zu ignorieren bedeutet, die Natur zu einem Gegner unserer selbst zu machen.

Die am weitesten evolvierten Menschen – die weisesten vergangener Generationen – haben aufgrund ihres erweiterten Bewusstseins, ihrer Möglichkeit, das Noumenale zu erkennen, Aufzeichnungen über ihre Erkenntnisse gemacht. Diese Aufzeichnungen sind es, die seit Zeitaltern von Generation zu Generation überliefert werden und die in heutiger Zeit in der Esoterischen Philosophie, der zeitlosen Theosophie, so weit ihren Ausdruck finden, wie der Mensch in der Lage ist, sie aufgrund seiner derzeitigen Entwicklung zu erfassen. Daher ist die Theosophie keine neue Religion, keine neue Philosophie und auch keine neue Wissenschaft, denn sie ist universale Wahrheit. Sie beinhaltet die Weisheit der Zeitalter, die Weisheit der uns vorangegangenen Generationen, in unsere moderne Sprache gekleidet, sodass sie für jeden zugänglich ist und verstanden werden kann.

Theosophie ist streng wissenschaftlich, analogisch und empirisch aufgebaut; sie ist streng religiös im Sinne von „gewissenhaft beobachtend“. Daher enthält sie keine Dogmen, ist frei von jeglichem Glauben und weder sektiererisch noch kirchlich geprägt. Sie ist ebenso philosophisch im ursprünglichen Sinne des Wortes „Liebe zur Weisheit“ – die „Wissenschaft von den Wissenschaften“.

Die große Theosophin Helena Petrowna Blavatsky eröffnete ihr berühmtes Standardwerk Die Geheimlehre mit der Aufstellung von drei fundamentalen Lehrsätzen2. Der erste Lehrsatz beinhaltet das Postulat eines unerforschlichen Prinzips. Der zweite besagt, dass das Universum das Feld, die Arena, die Szene beständiger, ewiger, nie endender Periodizität ist; das heißt zyklischer Bewegung, der Manifestation des ewigen Lebens in dem zyklischen Erscheinen und Wiederverschwinden von Welten, Sonnen, Sternen, Planeten und den anderen Himmelskörpern in der kosmischen Unendlichkeit, die so unbestimmt und ungenau „Raum“ genannt wird. Blavatsky sagt, indem sie die Lehre der alten Weisheit zum Ausdruck bringt, dass die Welten wie Funken kommen und gehen und daher in mystischer Weise „Funken der Ewigkeit“ genannt werden. Der Lebenszyklus jedes der größeren Körper ist notwendigerweise von unermesslicher Dauer.

Der dritte Lehrsatz, und keineswegs der unbedeutendste, besagt, dass das Universum und alles, was in ihm enthalten ist, einen unermesslichen, ewigen Organismus bildet. Es besagt nicht nur, dass das Universum eins ist mit allem, was es enthält, sondern im Besonderen, dass das Wesen des Menschen, sein Körper, seine Körper, seine Seele, seine Seelen und sein Geist nur das Kind, die Früchte von dahinterstehenden Kräften sind.

Hier stoßen wir auf eine Lehre, die eine der notwendigsten ist, um den großartigen Umfang der Theosophie verstehen zu können: die Lehre von den „Hierarchien“. Sie besagt, dass der Kosmos, das Universum sozusagen aus Stufen oder Abstufungen von Wesenheiten, Bewusstheiten oder Intelligenzen aller möglichen Arten besteht, in denen sich das universale Leben offenbart. Sie sind alle miteinander verbunden, stehen zueinander in Beziehung und sind einander beigeordnet, sodass sie als eine Einheit für einen gemeinsamen Zweck und für ein gemeinsames Ziel zusammenwirken.

Daher ist unschwer zu erkennen, dass wir nicht bloße physisch-körperliche Kinder der Erde, den Schmetterlingen ähnliche, nur für einen Tag geborene Wesenheiten sind, sondern dass wir tatsächlich Funken aus dem Herzen des Seins, von dem zentralen Feuer des universalen Lebens sind.

Könnten wir diese wunderbare Wahrheit im Herzen fühlen und sie auf das tägliche Leben übertragen, so würde es keine stärkere Macht in der Welt geben, die unsere Lebensführung beherrscht. Nichts könnte uns auf einen edleren Pfad stellen als sie, auf jenen Pfad, der im Dienste einer alles einschließenden „universalen Bruderschaft“ steht. Darum: „Theosophie, die Esoterische Philosophie als Chance“! – archaische Weisheit.

Die Weite des Kosmos mit seinen unvorstellbar vielen Sonnensystemen und Universen erschwert zudem den Glauben an einen persönlichen, außerkosmischen Gott, der die Welt regiert. Daher auch „Theosophie“ – göttliche Weisheit. „Theosophie ist gleichbedeutend mit dem Sanskritwort Brahma-Vidyâ, göttliche Erkenntnis.“3 Die hierin liegende Aussage bedeutet: Nicht Gott, sondern Götter wirken im Universum.

Diese hoch evolvierten Wesenheiten sind für uns Götter. Sie gehören einer fortgeschritteneren Evolutionsstufe an und sind uns Menschen auf unserem Wege der Evolution weit, weit vorausgeeilt. Da alles im Universum miteinander verbunden und vernetzt ist, sind sie die Regenten, die Führer für die hinter ihnen einherziehende Heerschar von Wesenheiten, für ihre weniger entwickelten Nachkommen, zu denen auch die Menschheit gehört. Sie alle entstammen dem nicht fassbaren Reservoir des DAS oder JENES, das weder einen personifizierenden Namen hat noch in irgendeiner Weise begrenzt werden kann. Wenn im Osten gefragt wird: „Wer oder was ist Gott?“, so lautet die vornehme Antwort: „Wer oder was ist Gott nicht?“ Der Gottesbegriff, so wie er heute im Allgemeinen interpretiert wird, war den alten Völkern völlig unbekannt.

Wie aber kam es zu dem modern gewordenen Aberglauben, dass es im gesamten Universum keine höherentwickelten Wesenheiten als den Menschen gibt, der sich für die Krone der Schöpfung hält, einer Schöpfung, die aus dem Nichts ins Dasein getreten sein soll? Diese Annahme ist umso unverständlicher, da selbst aus der jüdischen Geschichte sowie der Genesis hervorgeht, dass der Mensch aus Lehm oder Erde gemacht und der Geist oder das Leben ihm eingehaucht worden sei.

Heute dünkt sich der Mensch, mehr Wissen als seine Urahnen zu haben. Ihre Weisheit, ihre Erfahrungen werden als Aberglauben bezeichnet. Doch entgegen heutiger Sicht waren sie nicht in dem modernen Aberglauben befangen, dass Geist, Intelligenz, Bewusstsein, Vernunft oder auch das Gewissen im Menschen so ganz von selbst aus der Materie entstanden seien oder die Schöpfung eines einzigen, persönlichen Gottes seien. Diese sich in unserem technisch so aufgeklärten Zeitalter immer noch hartnäckig haltenden Theorien zählen aus spiritueller Sicht zu dem unglaublichsten Aberglauben unserer Zeit!

Aus diesem Aberglauben, dem nichts weiter als unbewiesene Theorien zugrunde liegen, erwachsen die Spannungen in der Welt sowohl zwischen den einzelnen Menschen als auch zwischen den Völkern. Die hieraus resultierende Entwicklung führt notwendigerweise zu entsprechenden Aktionen und Reaktionen, die sich in der Zukunft noch weitaus verheerender auswirken werden als bisher. Die ersten Anzeichen der Naturkatastrophen sind längst unübersehbar! Zudem haben weltweit Kriege und kriegerische Auseinandersetzungen dramatisch zugenommen. Ursache und Wirkung sind offensichtlich, und die hierin liegende Aussage mag als Mahnung erkannt werden. Darum Theosophie als Chance. Sie führt zu den unsterblichen Wurzeln unseres eigenen Daseins – jeden Einzelnen, ganz individuell. Sie führt zu der Erkenntnis, dass jeder Mensch das Ergebnis seiner eigenen äonenlangen Entwicklung ist.

1 William Q. Judge: Bhagavad Gîtâ – Studienausgabe. Hannover, 2014.

2 Vgl. H. P. Blavatsky: Die Geheimlehre. Hannover, 2012, Bd. I, S. 42.

3 H. P. Blavatsky, zitiert in: Judith M. Tyberg: Die Sprache der Götter – Sanskrit als Schlüssel zu den Mysterienlehren. Hannover, 2012, S. 244.

 

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