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Siehe: Gottfried von Purucker: Wind des Geistes, S. 53 f.

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Wahrheit – Drei Stufen der Erkenntnis

Was ist Wahrheit? Eine definitive Antwort auf diese Frage ist schon deshalb nicht möglich, weil Wahrheit relativ ist und vom Erkenntnisstand jedes Einzelnen abhängt. Die Einführung in tiefere Wahrheiten erfolgt daher nur allmählich und schrittweise.

Von Gottfried von Purucker

In der ersten Phase sind die Berge und die Wasser der Erde Berge und Wasser; sie werden als des Studiums und der Forschung wert erkannt, und ihre Wunder werden gesehen und verstanden, doch sind sie lediglich Berge und Wasser.

Durch das Studium und das Sehnen nach Wahrheit kommt es jedoch schließlich zu einer zweiten psychologischen Öffnung des Charakters eines Schülers, seines Verstehens, seines Wesens. Er erkennt, dass die Berge und die Wasser, so schön sie auch sein mögen und so wunderbar sie zum Studium geeignet sind, im Grunde nur Aspekte, Erscheinungen, Phänomene von dahinter befindlichen Noumena sind, die Wirkungen von unsichtbaren und geheimen Ursachen. Er erkennt in dieser zweiten Phase der Öffnung seines Wesens, dass er, wenn er zu Wahrheit zu gelangen wünscht, tiefer in die Noumena eindringen und die Wissenschaft von den Bergen und den Wassern der Erde studieren muss. Er muss die „Ursachen" erforschen, die sie ins Dasein bringen, die inneren Ursachen und Energien, welche die Berge und die Wasser hervorbrachten. So erkennt der Studierende, dass die Berge und die Wasser lediglich Wirkungen, Phänomene, Erscheinungen sind – so relativ real sie auch scheinen mögen. Er erkennt, dass sie nur Illusion sind, Mâyâ, da sich die wirkliche Wahrheit innerhalb von ihnen und hinter ihnen befindet, und das gesamte Wesen des Schülers ist in dem Erkennen dieser Wunder eingehüllt.

Daraufhin beginnt er gradweise, die tiefe Weisheit des alten Ausspruchs zu verstehen, der besagt, dass das gesamte Universum ein Phänomen und daher illusorisch ist, aber illusorisch nur deshalb, weil wir es nicht richtig verstehen. Dies bedeutet nicht, dass das Universum nicht existiere. Das ist absurd und eine falsche Auslegung. Der Schüler erkennt vielmehr, dass wir es nicht richtig verstehen, dass wir dahinter- und hineinschauen müssen. Vom Sichtbaren sollten wir zum Unsichtbaren vordringen, die Wirkung sollte uns die zugrunde liegenden Ursachen lehren. In dieser Phase beginnt der Schüler, seine Einheit mit dem Universum zu empfinden – und das ist der schönste Teil der zweiten Phase der psychologischen Entschleierung in diesem Schulungssystem, dem sich der Schüler der Weisheitslehre unterzieht und das er so sehr schätzt. Er beginnt sein wahres Einssein mit allem, was ist, zu fühlen, denn er erkennt, dass er als physischer Mensch nur ein Phänomen, eine Wirkung ist. Er erkennt, dass er in Wahrheit das Produkt geheimer und unsichtbarer Ursachen ist, dass hinter dem Phänomen des physischen Menschen der wirkliche spirituelle Mensch als Noumenon steht. Er empfindet Ehrfurcht, und ein erhabenes, verstehendes Gefühl für Schönheit tritt in sein Herz, weil er erkennt, dass er nur eine von all den Wesenheiten und Geschöpfen ist, die das Universum erfüllen. Von diesem Augenblick an beginnt er zu empfinden, dass Ethik und Moral nicht nur eine menschliche Übereinkunft sind, denn sie sind in dem Gefüge und der Materie der universalen Natur selbst verwurzelt. Er fühlt die Unermesslichkeit seines Einsseins mit allem, was ist. „Ich und mein Vater sind eins."

Dies führt zu dem dritten Schritt der psychologischen Öffnung, und mit diesem dritten Schritt erkennt der Schüler das wunderbarste Paradoxon von allem, was er in den beiden früheren Zuständen erfahren hat. Mit diesem dritten Schritt lernt er, dass nach innen und aufwärts, nach oben sich ausdehnend, doch immer nach innen, die Berge im Grunde das Reale sind und die Wasser in einem gewissen wunderbaren Sinn real sind, denn so illusorisch sie für unser relativ unvollkommen evolviertes menschliches Verständnis auch sein mögen, ist es dennoch die fundamentale Realität, die sie hervorgebracht hat, ebenso wie wir selbst als Phänomene hervorgebracht wurden.

So sehen wir gleichzeitig, dass die einzige Realität das Spirituell-Göttliche ist, dass aber dieses Göttliche, weil es das absolut Reale ist, in einem gewissen Sinn selbst die illusorische Erscheinung der kosmischen Phänomene real macht. Wenden wir dies auf uns an, so fühlen wir, dass der einzige reale Teil des Menschen das Göttliche in ihm ist. Doch gerade weil dieses Göttliche die Realität ist, ist in einem gewissen wunderbaren Sinn das durch und durch physische Phänomen, das wir den physischen Menschen nennen, ebenfalls real. So sind wir zu dem Ausgangspunkt zurückgekehrt, der Kreis hat sich geschlossen: Zuerst sahen wir Berge und Wasser, welche die einzigen Realitäten für uns waren. Dann erkannten wir die Berge und das Wasser nur als die Hüllen, die Kleidung geheimnisvoller, unsichtbarer Realitäten. Schließlich kamen wir zu der Erkenntnis, dass diese, gerade weil sie reale Dinge sind, keine essenziellen Unwirklichkeiten erzeugen können. Somit sind die Berge und die Wasser – seltsames Paradoxon – sowohl real als auch unreal. Glücklich der Mensch, der diesen dritten Schritt verstehen kann.

Der Schlüssel zu diesem Verstehen ist ein anderer Gedanke, den ich ebenfalls dem Dhyâni-Buddhismus entnehme. Der im Folgenden wiedergegebene Zen-Gedanke sollte gut verstanden werden, denn seine Bedeutung ist sehr tiefgründig: „Im Wind der Berge und in der Sonne der Niederungen, im Anbruch der Nacht und in den Nebeln der Morgendämmerung ruft es laut: JENES allein war, ist und datiert fort.“

Das gesamte Universum ist JENES, und alle seine Phänomene sind die Erzeugnisse geistig-göttlicher Noumena oder göttlichen Denkens. So sind sie alle dem Wesen nach vereinigt in einer göttlichen Einheit. In einer auf Tatsachen beruhenden Weise können wir diesen Gedanken heruntertransformieren und sagen: Alle Menschen sind Brüder, und jeder ist seines Bruders Hüter. Jede Übertretung dieser Regel bedeutet, der gesamten universalen Natur zuwiderzuhandeln.

Es gibt einen Weg zu Frieden und Glück, zu Weisheit und zu erhabenen Fähigkeiten. Wenn wir einmal erkannt haben, dass wir mit der Natur eins sind und die Natur mir uns eins ist, schwingt unser Bewusstsein im gleichen Rhythmus mit dem Pulsieren des kosmischen Herzens. Aus diesem Grunde können die großen Weisen und Seher Wunder in der Welt wirken: Sie können heilen und emporheben, ihr Bewusstsein nach dem Tod behalten, ihr denkendes Ego zu entfernten Gefilden versetzen und dort in selbstbewusstem Denken verbleiben und alles wahrnehmen, was dort vor sich geht, und vieles andere mehr. Denn das Universum und wir sind eins. Es gibt nur ein Leben, und dieses Leben ist ebenfalls kosmisches Denken.

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