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Siehe: Gottfried von Purucker: Esoterische Philosophie – Wörterbuch, S. 125 ff.

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Karman – Universalprinzip absoluter Gerechtigkeit

Eines der wirksamsten, fundamentalsten Naturprinzipien auf Erden ist Karman. Es bestimmt unser aller Leben, und niemand kann sich seiner ausgleichenden Gerechtigkeit entziehen. Universal wirksam und allgegenwärtig, kann Karman ein wahrer Rettungsanker sein, wenn wir verstehen, ihn uns nutzbar zu machen. Karman ist wie ein Heiligtum: Betritt man dessen Räume, erschließen sich nach jeder Tür neue Welten des Erkennens, der Hoffnung und des Friedens.

Von Gottfried von Purucker

Karman ist eine sehr alte Lehre, die allen Religionen und Philosophien bekannt war. Sie ist seit der Renaissance wissenschaftlicher Forschung im Westen zu einer der fundamentalen Forderungen modernen koordinierten Wissens geworden. Wirft man einen Kieselstein in einen Teich, so erzeugt er darin kleine Wellenringe; und diese Wellen breiten sich aus und erreichen schließlich das Ufer rings um den Teich. Und die Wellen werden in Schwingungen umgesetzt, die in den endlosen Raum hinausgehen. Aber bei jeder Stufe dieses natürlichen Vorgangs erfolgt auch gleichzeitig eine entsprechende Reaktion von Seiten jedes einzelnen und all der Myriaden atomartiger Partikel, die von der sich ausbreitenden Energie beeinflusst wurden.

Karman ist ein Hauptwort, das von der Wurzel kri mit der Bedeutung „tun“, „machen“ stammt. Buchstäblich bedeutet karman „tuend“, „machend“, Handlung. Im philosophischen Sinn hat es eine technische Bedeutung, und diese lässt sich am besten durch das Wort „Folge“ oder „Wirkung“ wiedergeben. Der Gedanke ist folgender: Wenn ein Wesen handelt, handelt es von innen heraus. Es handelt durch eine mehr oder minder große Verausgabung seiner eigenen angeborenen Energie. Die Verausgabung an Energie, dieser Ausfluss von Energie, ist eine Einwirkung auf die umgebende Umwelt, auf die uns umgebende Natur. Sie ruft bei Letzterer vielleicht eine augenblickliche oder aber eine verzögerte Reaktion, einen Widerhall hervor. Mit anderen Worten, die Natur reagiert auf den Anstoß; und die Verbindung dieser beiden - die Einwirkung der Energie auf die Natur, woraufhin die Reaktion der Natur wiederum einen Anprall auf die Energie bewirkt - wird Karman genannt, eine Verbindung der beiden Faktoren. Karman ist, mit anderen Worten, essenziell eine Kette der Verursachung, die zurückreicht in die endlose Vergangenheit und die sich daher notwendigerweise auch in die endlose Zukunft erstrecken muss. Karman ist unentrinnbar, denn es ist die universale Natur, die unendlich und daher allüberall und zeitlos ist. Früher oder später wird die Wesenheit die Rückwirkung, die sie hervorrief, unvermeidlich zu spüren bekommen.

Karman ist in keinem Sinn des Wortes Fatalismus und entspricht auch nicht dem, was allgemein mit „Zufall“ bezeichnet wird. Es ist im Wesentlichen die Lehre vom freien Willen, denn naturgemäß ist das Wesen, das eine Bewegung oder Handlung einleitet, sei sie nun spiritueller, mentaler, psychischer oder physischer Art, verantwortlich für das, was sich in Form der Folgen und Wirkungen, die daraus hervorgehen und früher oder später auf den handelnden oder ursprünglichen Erzeuger der Bewegung zurückfallen, auswirkt.

Da alles miteinander verkettet und vernetzt ist und ineinandergreift und kein Wesen für sich allein leben kann, werden auch andere Wesenheiten notwendigerweise in größerem oder geringerem Maße von den Ursachen oder der Bewegung beeinflusst, die von irgendeiner individuellen Wesenheit hervorgerufen werden. Aber derartige Wirkungen oder Folgen bilden für andere Wesen, die nicht Urheber der Bewegung waren, nur indirekt eine moralisch zwingende Kraft, im wahren Sinn des Wortes „Moral“.

Ein Beispiel hierfür ist das „Familienkarma“ im Gegensatz zu dem eigenen, individuellen Karma; „nationales Karma“ ist jene Reihe von Folgen, die sich auf eine Nation beziehen, zu der Einzelwesen gehören; Rassenkarma bezieht sich auf die Rasse, der Individuen als integrale Mitglieder angehören. Es ist nicht richtig zu sagen, Karman „bestrafe“ oder „belohne“ im allgemeinen Sinn dieser Ausdrücke. Seine Wirkung ist unfehlbar gerecht, denn da es ein Teil der Wirkungsweise der Natur selbst ist, kann alle karmische Tätigkeit letztendlich auf das kosmische Herz der Harmonie zurückgeführt werden, was das Gleiche ist, als würde man sagen: reines Bewusstsein, reiner Geist. Die Lehre ist für das menschliche Gemüt äußerst trostreich, weil sie zeigt, dass sich der Mensch sein eigenes Schicksal formen kann und in der Tat auch formen muss. Er kann es zum Guten oder Schlechten formen, er kann es wohlgestalten oder missgestalten, ganz wie er es will. Und wenn er mit den großen, der Natur zugrunde liegenden Kräften wirkt, befindet er sich in Einklang und Harmonie mit ihnen und wird wie die Götter zu einem Mitarbeiter der Natur.

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