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Das Land der fliegenden Pfeile

Eine zum Nachdenken anregende (wahre) Geschichte

Von Percy Leonard

Auf dem Wege zur Goldenen Stadt gingen viele Pilger durch das Land der fliegenden Pfeile, und zu dieser Menschenmenge gehörte auch ich. Jeder Reisende trug einen Bogen und auf seinem Rücken einen mit Pfeilen gefüllten Köcher. Über uns schwirrte die Luft nur so von Pfeilen. Manchmal fiel ein Pfeil herunter und verwundete einen der Pilger. Manche der Verwundeten fielen zu Boden, und während sie dort lagen, drohten sie dem blauen Himmel mit der Faust, weil sie dachten, dass dort oben ein mächtiger Bogenschütze lebte, der seinen Spaß darin fand, auf sie zu schießen.

Später erkannte ich jedoch, dass jeder Pilger nur von seinem eigenen Pfeil getroffen wurde. Denn wenn ich half, die Widerhaken aus den Wunden meiner Freunde herauszuziehen, sah ich immer deutlich ihren eigenen Namen auf dem Schaft des Pfeiles. Manchmal streifte der Pfeil wohl die Wange eines Anderen oder schlug einem Anderen sogar den Hut vom Kopfe, aber die Pfeile bohrten ihre Spitze nur in das zitternde Fleisch derjenigen, die sie gedankenlos in die Luft geschossen hatten.

Viele schossen in ihrer leichtsinnigen Torheit die Pfeile in die Luft in dem Glauben, dass sie sie nie wiedersehen würden; aber obgleich sie lange Zeit über ihnen schwebten, fielen sie doch zuletzt herab und bohrten sich in den Körper der törichten Bogenschützen, die sie abgeschossen hatten.

Ich befreundete mich mit einem meiner Mitreisenden namens Shila, der den Goldenen Toren sehr nahe zu sein schien, und bemerkte, dass er seine Pfeile stets nur auf die wilden Tiere abschoss, die am Wegesrand lauerten. Er war immer sehr glücklich. Wenn er von einem der Pfeile aus der stets kleiner werdenden Wolke getroffen wurde, die noch über seinem Haupte schwebte, pflegte er zu sagen, dass er froh sei, wenn ein Pfeil auf ihn niederfiel, weil dann einer weniger in der Luft schwebte. Als ihn eines Tages der letzte Pfeil traf, jubelte er vor Freude, und ich sah ihn nie wieder.

Mehr oder weniger von dem Gebüsch verborgen, das den Weg säumte, gingen mächtige Bogenschützen auf und ab. Sie hatten schon die Goldene Stadt erreicht, hatten die letzten Geheimnisse ihres Handwerks kennengelernt und waren zurückgekehrt, um ihren noch auf dem Weg befindlichen jüngeren Brüdern zu helfen. Aufmerksam, wachsam, gelassen und zuversichtlich verschossen sie nie einen Pfeil ohne Ziel. Mit nie versagender Treffsicherheit trafen sie, ohne je zu fehlen, die Drachen und die wilden Tiere, die zwischen den Gebüschen entlang des Weges umherstrichen.

Oft halfen sie einem gefallenen Pilger wieder auf und zeigten ihm seinen eigenen Namen auf dem Pfeil, aber meistens hörten jene, denen geholfen wurde, nicht auf ihre Worte, sondern stürmten in blinder Wut gegen den blauen Himmel über ihnen an.

Nur Wenige beachteten den ihnen gegebenen Rat. Diese Wenigen bemerkten bald, dass die Wolke von Pfeilen, die über ihnen schwebte, von Tag zu Tag kleiner wurde. Sie gaben nun Acht, dass sie ihre Pfeile nie wieder gedankenlos in die Luft schossen.

Ich lernte viel im Lande der fliegenden Pfeile; aber die größte Lehre war die folgende:

Jeder Pfeil, der uns trifft, ist von unserem eigenen Bogen abgeschossen worden!

 

Quelle: Theosophical Path 1928, Nr. 2

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